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Full text of "Neugreichische volkslieder"

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Qass. 
Book. 



II SU 



Neugriechische 

Volks lieder 



18 2 5. 






/ 

In "Exchange. 
U DEC 7 1916 




Der Pallikare 

vor dem Fenster seiner Schönen. 



Am Thor von Salonikia 

Safs ein streitkühner junger Held, 

Die Lochen wohlgeflochten : 

Und sieh er hält in seiner Hand 

Ein übergoldet Tamburin, 

Und singt und spricht die Worte : 

»Ihr lieben goldnen Fenster mein, 

» Ihr Läden silbern , hört mein Flehn , 

» Sagt eurer süfsen Herrin doch , 

» Sie zeige sich , dafs ich sie seh : 

»Bin keine Schlange, die sie schluckt, 

»Kein Low 1 auch, der sie fressen will.« 



Die W ü n s c h e. 



Dort unten in der Nachbarschaft , dort unten in der 

Gasse, 
Da wohnt ein graues altes Weib , da wohnt ein 

alter Grauhopf: 
Hat einen argen schlimmen Hund, und eine schöne 

Tochter. 
Herr, wäre doch die Alte todt, und wäre todt der 

Grauhopf, 
Und war vergiftet doch der Hund , ich nähme wohl 

das Mägdlein! 



D i m 



Ha, deine Augen, Dimos, schön und klar, 

Die Brauen wie gemahlet, 
Sie haben mich, o Dimos, krank gemacht, 

Mich kranh gemacht zum Tode. 
Wohlan, dein Schwerdt, o Dimos, zeuch heraus 

Und stofs mirs in die Kehle. 
Und fasse dann, o Dimos, auf mein Blut 

In einem goldnen Halstuch. 
Und lafs es , Dimos , die neun Dörfer sehn , 

Und sehn die zehn Kantone. 
Und fragt dich einer, Dimos, wefs es sey? — 

Das Blut ists meiner Lieben. 



Der Abschied. 



Liebe Nelke purpurglühend , Hyacinthe blauer- 

blühend , 
Neigt euch meinem Abschiedsgrüfsen, meinen bangen 

Scheideküssen , 
Weil wir jetzt uns trennen müssen , will es gleich 

der Vater nicht. 
Liebe Nelke purpurglühend , Hyacinthe blauer- 
blühend , 
Neigt euch meinem Abschiedsgrüfsen, meinen bangen 

Scheideküssen, 
Weil wir jetzt uns trennen müssen , will es gleich 

die Mutter nicht. 
Ach, gekommen ist die Stunde, die uns Trennung 

bringt auf immer: 
Wiedersehen wir uns nimmer, und mein blutend 

Herze bricht. 
Ja wir trennen uns auf immer , wiedersehen wir 

uns nimmer : 
Stromweis stürzen meine Thränen , rollen hin in 

bangem Stöhnen : 
Denn wir trennen uns auf immer, wiedersehen wir 

uns nimmer. 



Hochzeitlieder. 



1. 

Von der drei -gezackten Höhe 
Rief ein Falke also sprechend: 
»Still, ihr Lüftchen, schweiget stille, 
»Diesen Abend und den nächsten: 
» Seine Hochzeit hält ein Knabe , 
»Ein Blondinchen wird getrauet. & 

% 

Ich lafs Gut Glück der Nachbarschaft , Gut Glück 
den Anverwandten : 

Ich lafs der lieben Mutter mein drei Gläser bittern 
Trankes : 

Das eine trinkt sie Morgens früh , um Mittagszeit 
das andre , 

Das dritte, allerbitterste , an festlich hohen Tagen. 

3. 

Unser Täubchen, unser zartes Schnürchen, 
Setzt sich längs der Strafse hin und singet: 
Fürchtet keinen Jüngling, keinen Knaben, 
Fürchtet nur die Schwägrin streng und feurig, 



Die sie aufstehn heifst am frühen Morgen : 
»Auf, Frau Schnur, der Tag ist angebrochen, 
»Wann willst du sie kneten die neun Brode? 
»Mufst sie hin ja schicken den neun Hirten, 
» Und indefs auf die neun andern warten. « 



Alle die Schwarzäugigen, Braune zumalen, 

Mit den holdselgen Maalen, 
Sie haben alle mich geküfst: nur eine will nicht 

küssen, 
Dies mufs mich arg verdriefsen. 
Will zum Hügel steigen nun , baun einen Garten, 

Will pflanzen einen Garten, 
Garten, Baumstück neben dran, und ein schönes 

Weinland , 
Und auch 'ne Thür zum Eingang. 
All die Schönen kommen dann, Trauben zu nippen, 

Mit Küssen auf den Lippen. 
Ja sie kommen alle, mit Augen wie Kohlen, — 

Mag sie der Geier holen! — 
Rufen zu dem Gärtner: » Gieb Trauben zu nippen, 

» Und küfs uns auf die Lippen. « — 
» Zieht aus die Pantöfflein, und wollt näher schreiten, 

» Zur Mitte wollt nur schreiten : 
» Willst 'nen Apfel , brich ihn dir , — oder 'ne 

» Quitten ? 
»Die ist dir nicht bestritten: 
»Willst Muskatentraube, willst Korintherrebe ? — 
» Die süfse Liebe lebe ! « 



5. 

Wohlauf, ihr Knaben, auf zum Tanz, — auf, Mägd- 
lein , zum Gesänge ! 

Kommt her und seht und lernet wie Besitz ergreift 
die Liebe. 

Sie fafst zuerst die Augen an , steigt abwärts zu 
den Lippen , 

Schleicht von den Lippen sich ins Herz, und schlägt 
im Herzen Wurzel. 



Christos Milionis. 



Drei Vögel setzten auf der Höh sich nächst dem 

Posten nieder : 
Der eine schaut auf Armyros , der andre hin gen 

Valtos , 
Der dritte, freundlichste der Schaar, ächzt Jammer- 
laut und redet: 
» O Herr, sag an, welch Schicksal traf den Christos 

» Milionis ? 
»Nicht in dem Valtos sah man ihn, noch auch in 

» Kyavrysis. « — 
»Man sagt, hinüber gieng der Held, und nahm den 

»Weg gen Arta, 
» Und macht' zu Sklaven den Kadi , sammt einem 

»Paar yon Agas. 
»Und dies vernahm der Musselim, ward grimmig 

» ob der Kunde , 
» Entbot den Mavromatis sich , und den Muhtar 

» Klissura : — 
»»Wenn ihr nach Brod Gelüsten tragt, und nach 

»»Obristenstellen , 
»»Zieht aus, den Christos tödtet mir, den Haupt- 

»»mann Milionis: 
»»Sowills der Sultan, unser Herr: er sandte seinen 

»»Firman. « — 



»Der Freitag Morgen brach heran, (o hätt" er nie 

» getaget ! ) 
»Und Soliman ist abgesandt, zu gehn, ihn aufzu- 

» finden. 
» Zu Armyros stufst er auf ihn , sie hüfsten sich als 

» Freunde , 
»Die ganze Nacht durchzechten sie, bis dafs der 

» Tag ergraute , 
»Und mit der Morgendämmrung ziehn sie weiter 

»ihre Strafse. 
»Und Soliman schrie auf und rief zum Hauptmann 

» Milionis : 
»»Christos, der Sultan fordert dich, dich fordern 

»»auch die Agas. « — 
»» So lange Christos lebet , beugt er nie das Knie 

»»den Türken.« — 
»Mit ihren Büchsen rannten sie der eine auf den 

» andern : 
»Feur gaben sie zurück auf Feur, und fielen auf 

»dem Platze.« 



Bukovalla 



Welch ein Getös' erhebt sich dort, welch lärmendes 

Getümmel ? 
Ists eines Ochsenschlachtens Lärm ? ists Kampf von 

wilden Thieren? 
Nicht ist es Ochsenschlachtens Lärm, nicht Kampf 

yon wilden Thieren. 
Der Bukovallas ficht die Schlacht mit fünfzehnhun- 
dert Feinden, 
Dort wo sich vom Kerassohon das Feld dehnt nach 

Kenuria. 
Wie Regen prasselt Schufs auf Schufs, die Kugeln 

sind wie Hagel. 
Ein blondes Mägdlein schreiet auf, sie rufet aus 

dem Fenster : 
» Halt , Bukovallas , ein den Kampf , halt ein den 

» Kugelregen , 
» Damit sich legen kann der Staub , der Pulvernebel 

» steigen , 
» So lafs uns zahlen deine Schaar , und sehn , wie 

» viel wir missen. « 
Die Türken zählten dreimal sich, fünfhundert Streiter 

fehlen : 



Die Rlephtensöhne zahlen sich, sie missen drei der 

Brüder : 
Nach Wasser war der eine fort , nach Brod war 

fort der zweite , 
Der dritte und der kühnste steht gelehnt auf seine 

Büchse. 



Johannes Stathas. 



Ein schwarzes Schiff durchschnitt die Flut, es wogte 

gen Kassandra , 
Mit schwarzen Segeln wars umhüllt , das Banner 

himmelfarbig : 
Und 'ne Korvette stufst darauf geschmückt mit rother 

Flagge. 
» Die Segel streich « , rief sie ihm zu , » lafs schnell 

» sie nieder fallen. « — 
» Nicht meine Segel streich ich dir , lafs sie nicht 

» niederfallen : 
» ' Ne Braut , ein Weiblein schein ich dir ? meinst 

»dafs ich dir mich neige? 
» Johannes bin ich , Stathas Sohn , des Bukoyallas 

»Eidam: — 
» Das Kabeltau , Korsaren , werft ! rasch hin zum 

» Vordertheile ! 
» Des Türkenblutes schonet nicht , stofst die Un- 

» gläubgen nieder ! « 
Die Türken wenden sich behend, drehn's Vorder- 

theil gewaltig. 



Voran stürmt der Johannes ein, den Säbel in der 

Rechten : 
Bis in den Ballast dringt das Blut , die See wird 

roth gefärbet; 
Allah, Allah, schreit's Heidenvolk, fällt nieder, 

beugt die Kniee. 



Der Olympos. 



Olympos und der Kissavos , die beiden Berge , 

hadern. 
Es kehrt sich der Olympos , spricht zum Kissavos 

die Worte: 
» Nicht hadre mit mir , Kissavos , du Türkenfus- 

» gestampfter ! 
» Ich bin der Greis Olympos, ich der weit und breit 

» gepriesne : 
» Hab zwei und vierzig Gipfelhöhn , und zwei und 

»sechzig Quellen, 
»Und eine Fahn an jedem Quell, an jedem Zweig 

» 'nen Klephten. 
»Und auf dem steilsten Gipfel hoch hat sich ein 

» Aar genistet , 
»Hält eines tapfern Helden Haupt gefafst in seinen 

»Krallen : 
»» O sprich, mein Haupt, was thatest du, dafs du so 

»» büfsen mufstest ? « 
»»Frifs, Vogel, meine Jugendkraft, frifs meine Hel- 

»»denstärke: 
»» Dein Fittig wächst 'ne Elle dir , 'ne Spanne dir 

»» die Kralle. 



»»Zu Luros und Xeromenos stand ich als Armatole, 
»»War Klephte in den Khasia zwölf Jahr, und auf 

»»Olympos: 
»»Und sechzig Agas schlug ich todt, verbrannte ihre 

»»Dörfer: 
»»Und alle die ich sonsten schlug, Türken und Al- 

»»banesen, 
»»Gar viel, o lieber Yogel, sinds; — ich kann die 

»» Zahl nicht künden : 
»» Doch endlich traf die Reih auch mich , zu fallen 

»»in dem Kampfe.«« 



Der letzte Abschied des Klephten. 



»Schwing dich hinab dem Ufer zu, hinunter nach 

»dem Strome ; 
» Zu Rudern nimm das Händepaar : die Brust ge- 

» brauch als Steuer: 
» Dein Kahn sey dir der eigne Leib , treib wohl den 

» wohlgelenken. 
»Hilft Gott und die Hochheilge dir, so schwimmst 

» du , kömmst hinüber, 
» Kömmst hin zu unsrer Lagerstatt , wo wir Rath- 

» schlagung pflegen , 
»Wo wir die beiden Zicklein einst, Phloras und 

» Tompras , brieten, 
s Befragen dann um mein Geschick dich dort wohl 

» die Genossen , 
» Sag nicht , dafs ich zu Grunde gieng , sag nichts 

» vom Tod des Armen : 
»Sag nur, ich habe mich beweibt im öden Fremd- 

» lingslande , 
»Die Felsenplatte haV ich mir gewählt zur Schwie- 

» germutter , 
» Zum Weib die schwarze Erde mir , den Kiesel- 

» sand zu Schwägern. « 



Das Grab -des Dimos. 



Die Sonne senkt' im Westen sich , und Dhnos giebt 

Befehle : 
»Geht, meine Kinder, Wasser schöpft zu eurem 

» Abendbrode 5 
» Und du , Lamprahis , setze dich , mein Neffe , mir 

» zur Seiten. 
»Da, meine Waffen trage du, sey du nun fürder 

» Hauptmann : 
»Und ihr, o lieben Kinder mein, nehmt meinen 

»armen Säbel, 
» Geht hin, und haut mir grünes Laub, zur weichen 

» Lagerstäte , 
» Und holt mir einen Priester her, ihm meine Schuld 

» zu beichten , 
»Ihm meine Sünden zu vertraun, so viel ich ihr 

» begangen : 
»War Armatole dreifsig Jahr, und zwanzig war ich 

» Klephte : 
» Und jetzo naht mein Ende mir, und meine Todes- 

» stunde. 
»Macht mir mein Grab, und macht es mir wohl 

»weit und hoch geräumig, 



» Damit ich aufrecht kämpfen mag , und quer die 

» Büchse laden : 
» Und auf der Seite rechter Hand lafst mir ein Fen- 

» ster offen , 
»Damit die Schwalben sich mir nahn, des Lenzes 

»Ankunft melden, 
»Und mir der Nachtigallen Sang den holden Mai 

» Verkünde. « 






Inschrift des Säbels des Rontoghiannis. 



Den nicht Tyrannenfurcht durchbebt, 
Der in der Welt ein Freier lebt, 
Defs Leben Ruhm und Ehre , 
Ihm nur dies Schwer dt gehöre. 



S t e r g i o s. 



Sind Türkisch auch die Passe nun , besetzt von 

Albanesen , 

Der Stergios , bis sein Athem stockt , lacht der 

Paschas gesammte. 

So lang es schneit auf Bergeshöhn, bieten wir Trotz 

den Türken. 

Die Höhlen geben uns Quartier, da wo die Wölfe 

hausen. 

In Städten wohnen Sklaven nur, im Feld dort, mit 

den Türken. 

Felsklüfte und Einöden sind die Städte tapfrer Helden. 

Weit besser mit Raubthieren ists, als mit den Tür- 
ken hausen. 



»Ergieb dich, Liakos, dem Pascha, dein Knie beug 

» dein Vezire : 
» So wirst du Armatolenfürst, wirst Herr der Land- 

» schaft werden. « 
Und er erwiderte sofort, entbietet ihm die Antwort : 
»So lang der Liakos lebet, beugt er dem Pascha 

» sein Knie nicht : 
» Pascha des Liakos ist sein Schwerdt , und sein 

»Yezir die Büchse.« 
Ali Pascha, da ers vernahm , rast wild in schwerem 

Grimme, — 
Schreibt Briefe, schickt sie eilig fort, und sendet 

den Befehl aus : 
»Dir selbst, mein Veli- Guekas , Heil, Heil meinen 

» Land und Städten : 
» Den Liakos will ich , fangt ihn mir , todt oder le- 

» bend bringt ihn. « 
Mit seiner Schaar zieht Guekas aus, und macht Jagd 

auf die Klephten , 
Kömmt, überfällt sie in dem Wald, wo sie gelagert 

hausen. 



Und wildes Kämpfen hebet an, und scharfes Büch- 
senknallen. 

Kontoghiaküpis schreiet auf, und ruft von seinem 
Posten : 

» Fafst Herz , ihr Rinder , haltet euch, schlagt tapfer 
» zu , ihr Kinder. « 

Der Liahos rennet kühn voraus, den Säbel in den 
Zähnen. 

Und Tag und Nacht währt fort die Schlacht, drei 
Tage und drei Nächte. 

Wohl weinen Albaneserfraun , wohl traurn sie 
schwarzumhüllet. 

Und Veli Guehas wälzet sich, in seinem Blut ge- 
badet, 

Verwundet auch ist Mustapha am Knie und an der 
Rechten. 



Gyphtakis. 



Nach Wasser dürstet das Gefild, nach Schnee die 

Bergeshöhe , 
Und nach Geflügel lechzt der Falk, der Türke lechzt 

nach Köpfen. 
»Wohlan denn, welch Geschieh betraf die Mutter 

» des Gyphtalus , 
» Sie , die der Kinder zwei verlor , und , mit dem 

»Bruder, dreie, 
»Und die jetzt des Verstands beraubt, die irrend 

» schweift und heulet ? 
» Nicht im Gefilde sieht man sie , und nicht auf Ber- 

» geshöhen. « — 
» Man sagt , dort jenseits gieng sie hin , dort nach 

» den Hirtendörfern , 
»Und Büchsenschüsse fielen dort, und rasten furcht- 

»bar prasselnd. 
» Nicht hnallten sie zur Hochzeitlust, und nicht zur 

» Jahrmarktsfeier : 
»Allein den Gyphtis trafen sie am Knie und an der 

» Rechten. 
» 1 Nem Baumstamm gleich schwankt hin der Held , 

» und fiel gleich der Cy presse , 



»Mit lauter Stimme schrie er auf, der hochgemuthc 

y> Streiter : 
»» Wo weilst du , edler Bruder mein , wo weilst 

»» du , Vielgeliebter ? 
»»Komm, eil zurück hierher, und hau, hau, Theu- 

»»rer, mir den Kopf ab, 
»»Dafs es nicht thu das Heidenvolh, und der Araber 

»» Isuph, 
»»Und nicht nach Jännina dem Hund Ali Pascha 

»» ihn bringe. «« 



Kriege von Suli, 



1. 

Ein Vogel flog und setzte sich hoch auf der Brüche 

nieder , 

Aechzt Wehruf , spricht, und redet zum Ali Pascha 

gewendet: 

Nicht ist der Ort hier Jannina, Springbrunnen an- 
zulegen , 

Nicht ist der Ort hier Preyeza, Burgfesten zu er- 
bauen , 

Nein, Suli, das gepriesne, ists, Suli, das hochge- 
rühmte , 

Wo Knäblein kämpfen in der Schlacht, die Weiber 

und die Mägdlein, 

W T o Schlachten ficht Tsavellas Weib, den Säbel in 

der Rechten, 

Den Säugling auf dem einen Arm, die Büchse in 

dem andern, 

Die Schürze von Patronen schwer 



2. 

Inmitten von Tseritsana, unweit der Gränze Suli , 
Wo alternd die Kapelle ragt, stehn reihnweis die 

Hauptleute , 
Schaun von der Höh dem Kampfe zu , den die Su- 

lioten kämpfen, 
Wie Knäblein fechten in der Schlacht , und Weiber 

gleich den Männern. 
Und Kutsonikas nimmt das Wort, und ruft von sei- 
nem Posten : 
» Steht fest , ihr Kinder , haltet euch , steht fest als 

»tapfre Helden! 
»Seht dorten naht Muktar Pascha, er führt zwölf- 

» tausend Streiter. « 
Und plötzlich drauf spricht er das Wort, den Tür- 
ken zugewendet: 
»Wohin, Muktar, du Sohn Alfs, wohin Liapen- 

» Memme ? 
» Der Ort hier ist nicht Khormovon , hier ist nicht 

» Sanct-Basiles , 
» Wo du die Knäblein haschen kannst , und haschen 

» kannst die Weiber : 
» Nein , Suli ists , das schreckliche , das weit und 

»breit gepriesne, 
» Wo Schlachten ficht Tsavellas Weib, des kühnsten 

» Helden würdig : 
»Die Schürze von Patronen schwer, den Säbel in 

»der Rechten, 
»Die Büchse in der andern Hand, zieht sie voran 

» den Schaaren. & 



3- 

Drei Vogel flogen, setzten sich auf Sanct- Elias 

Höhe: 
Es blicket der nach Jannina , und ^der nach Kaho- 

suli , 
Der dritte, freundlichste der Schaar, ächzt Jammer- 
laut und redet : 
» Die Albanesen schaarten sich zu ziehn auf Kaho- 

» suli , 
> Drei Fahnen flattern in dem Zug, die Fahnen 

» dreier Haufen : 
»Den ersten führt Muhtar Pascha, den andern Mi- 

»tsombono, 
» Der dritte , schönste von der Schaar , gehorchet 

»dem Selihhtar.« — 
Sie siehet nahn ein Papen-Weib yon eines Hügels 

Höhe. 
» Wo seyd ihr , Kinder Botsaris , des Kutsonikas 

» Kinder ? 
» Auf uns ziehn Albanesen her , sie wollen uns zu 

» Sklaven , 
»Uns führen nach Tebelen hin, dafs wir den Glau- 

» ben tauschen. « 
Und Kutsonikas schreiet laut zu ihr vom Avarihos: 
» Nicht fürchte dies, o Papen-Weib, nicht hege solche 

» Sorge : 
» Bald sollst du sehn das Schlachtgewühl, die Büch- 

» sen sehn der Klephten , 



»Wie Kämpfe ficht der Klephte« Schaar und Kako- 

» sulioten. « 
Noch war geendet nicht der Ruf, das Wort nicht 

ausgesprochen , 
Ha, siehst du wie die Türken fliehn, zu Fus und 

auf den Rossen! 
Dort fliehn sie, andre rufen dort: »Fluch dir Pa- 

» scha , und Unheil ! 
»Denn grofs Verderben hast du uns gebracht in 

»diesem Sommer! 
» Viel Türken stürztest du in Tod , viel Spahis , Al- 

» banesen ! « 
Und Botsaris schrie laut und rief, den Säbel in der 

Rechten : 
» Hierher , Pascha ! was ärgert dich ? was fliehst du 

» von dem Posten ? 
» Komm her zurück, auf unsre Höhn, in unsre wüste 

» Riapha : 
» Komm her und bau dir einen Thron , und mach 

»dich hier zum Sultan!« 

4- 

Ein Papen-Weib erhub das Wort und rief vom 

Avarikos : 
»Wo weilt ihr, Kinder Botsaris? wo, Lampros Kin- 

» der, weilt ihr? 
» 'Ne Kriegerwolke zieht heran , zu Fufse und auf 

» Rossen. 
»Nicht ist es einer, nicht sinds zwei, nicht sind es 

» drei , noch fünfe : 
» Der Krieger achtzehntausend sinds , wohl neun- 

y> zehntausend Krieger. « — 



» Ha , komm es nur das Türkenvolk ! was mag es 

»uns bekümmern! 
» Wohl mag es kommen Kampf zu sehn , der Sulio- 

» ten Büchsen ! 
» Wohl mags die Büchse Botsaris , wohl Lampros 

» Schwer dt erproben , 
»Die Waffen der Suliotinnen , der hochberühmten 

» Chai's ! « 
Als nun begonnen war die Schlacht , das Flinten- 
feuer knallte, 
Zu Zervas und zu Botsaris rief aus das Wort Tsa- 

yellas : 
» Zum Einhaun ist es jetzo Zeit , das Flintenfeur 

» verstumme ! « 
Entgegnend rief ihm Botsaris , er rief von seinem 

Posten : 
»Noch ist,« so schrie er laut, »die Zeit zum Ein- 

»haun nicht gekommen! 
»Verweilet ihr im Dickicht noch: den Felsen lafst 

» euch schirmen : 
»Denn zahllos ist das Türken -Volk, und wenig wir 

» Sulioten ! « 
Hierauf zu seiner Heldenschaar rief aus das Wort 

Tsavellas : 
»Wie lange harren wir denn noch der Albaneser 

» Hunde ? « 
Und alle rissen, brachen wild die Säbel aus den 

Scheiden , 
Und jagten grimmig vor sich her die Türken gleich 

den Hammeln. 
Teli Pascha rief seinem Volk, den Rücken nicht zu 

kehren : 



Und sie erwiderten den Ruf, mit Thränen in den 

Augen : 
»Der Ort hier ist nicht Delvinon : Der Ort hier 

»ist nicht Vidin, 
»Nein, Suli, das gepriesne, ists , das weit und breit 

» berühmte : 
» Des Lampros Säbel wüthet hier , in Türkenblut 

» gerüthet : 
»Der All' im Albanesenland macht Trauerhleider 

» tragen , 
»Um Söhn und Männer weinen macht die Mütter 

» und die Weiber. « 

5. 

Ne schwarze Wolhenhülle liegt auf Suli und auf 

Kiapha. * 

Geregnet hats den ganzen Tag , die ganze Nacht 

geschneiet. 

Und von Systran i eilt heran rasch ein behender 

Krieger : 

Bringt Kundschaft her von Jannina , wohl jammer- 
volle Kundschaft: 

» Verderben hat der Heldeuschaar gebracht der 

» Bundsgenosse : 

»Hört, Photos Kinder, und vernimm, o Helden- 

» schaar des Drakos , 

» Untreu verübte Delvinon , Verrath an unsern Brü- 

» dein , 

»Und sandf sie zum Ali Pascha, die sechse all zu- 

» sammen. 

» Er mordet' ihrer vier sogleich : den zwein schenkt" 

» er das Leben , 



»Er schonte Dimos , Drakos Sohn, und schonte 

»Photos Bruder.« — 
Und jene , wie sie dies gehört , ergreifet schwerer 

Unmuth. 
»O Herr,« — zum Protopapen schrien gesammt 

die Helden beide , — 
»Sing allen du das Todtenamt, den Helden allen 

» sechsen , 
»Die zwei, den Tieren andern gleich, erachten wir 

»für Todte: 
» Denn keinem Sulioten schenkt je der Tyrann das 

»Leben : 
»Lebendig gilt in seiner Hand für uns kein Suliote.« 

»Nicht beugt das Knie, o Rinder, nicht, — nicht 

» wollet Rajas werden : 

»So lange Photos lebet, beugt er dem Pascha das 

»Knie nicht: 

» Pascha des Photos ist sein Schwerdt , und sein 

»Yezir die Büchse.« — 

Sie bannten ihn ins Frankenland, weit in entlegne 

Reiche. 

Fluch treffe dich, o Botsaris, und dich auch, Kutso- 

nikas , 

Für eure Dienste, welche ihr geleistet diesen Som- 
mer : 

Ihr führtet den Yeli Pascha ins Herz von Kakosuli. 



7. 

Ein Vogel kam geflogen her wohl aus dem Lande 

Suli : 
Die Parganioten frugen ihn, die Parganioten fragen: 
»Von wo, o Vogel, kömmst du her, wohin, mein 

»Vogel, lliegst du?« — 
» Ich komme dort von Suli her , zum Frankenlande 

flieg ich. « — 
y> O gieb , mein Vogel , Kundschaft uns , gieb freu- 

»denvolle Kundschaft.« — 
»Ach, welche Kundschaft geb ich euch: was kann 

»ich euch berichten? 
»Suli ist hin, gefallen ists, gefallen Avarikos, 
»Gefallen Kiapha's Felsen -Burg, gefallen auch ist 

» Kiunghi , 
»Den Mönch auch warfen sie ins Feur , zusammt 

» der Männer yieren. « 

Ein wild Getöse dringt ins Ohr, yiel Flintenschüsse 

fallen. 
Ists eines Hochzeitreigens Lust? ist es ein Freuden- 

schiefsen ? 
Nicht ist es Hochzeitreigens Lust : nicht ists ein 

Freudenschiefsen. 
Es kämpft die Despo in der Schlacht , mit Sohnes- 

fraun und Töchtern. 
Die Albanesen drängen sie hart um den Thurm 

Dimulas. 



» Gieb i Weib Georgs , die Waffen gieb : der Ort 

» hier ist nicht Suli : 

»Hier bist du Sklavin des Pascha, der Albanesen 

» Sklavin. « — 

» Ob Suli auch das Knie gebeugt , sich Kiapha gab 

»dem Türken, 

» Nie trug , es trägt auch Despo nie der Liapiden 

» Herrschaft. « 

Den Brand ergreift sie mit der Hand, ruft Töch- 
tern zu und Schnüren : 

» Eh todt als Türhenmägde seyn ! mir nach , mir 

»folgt, ihr Kinder!« 

Den Pulverhasten zündet sie, Verderben fafst sie 

Alle. 



Kriegsgesang des Rhigas. 



Wie lang, ihr tapfre Degen, in Schluchten leben 

wir ? 

Einsam, wie Leuen pflegen, auf Huhn, im Berg- 
revier ? 

Wolln wir hier ewig hausen , in Holen , Waldes- 

schoos ? 

Flüchtlinge seyn auf Erden, zu fliehn der Knecht- 
schaft Loos? 

Die Yatererde meiden, die Brüder immerdar, 

Die Eltern, Freunde, Kindlein, und aller Lieben 

Schaar ? 
Weit edler ists, zu leben nur eine Stunde Frei, 

Als vierzig Jahre schmachten im Joch der Skla- 
verei. 

Wozu auch nützt das Leben , ifst du das Shlaven- 

brod ? 

Erwäge wie dir stündlich Tod und Verderben droht. 

Ob du ein Fürst magst heifsen , ein Vezir, Dra- 
goman , 

Doch schlägt dich, trotz dem Rechte, zu Boden der 

Tyrann. 



Beug taglich dich als Diener , der , was er heischt , 

vollbringt : 

Doch wird er Ursach finden, dafs er dein Herzblut 

trinkt. 

Sutsos, Ghikas, Murusis, Peträkis spiegeln dir, 

Skanavis, Mavrogenis, dein eignes Schicksal für. 

Viel tapfre Kapitäne, viel Papen unerhört, 

Viel Laien , und viel Agas , traf wider Recht das 

Schwer dt : 

Und grofse Türkenhaufen , und Griechen ungezählt, 

Verlieren Gut und Leben , wiewohfs am Rechts- 
grund fehlt. 
Kommt All, in Einem Eifer, in Einer Glut ent- 
flammt , 

Und schwören wir den Eidschwur aufs heiige Kreuz 

gesammt. 

Lafst einen Rath von Männern, fürs Vaterland ent- 
brannt , 

Uns wählen , die Verfassung zu ordnen für das 

Land. 

Lafst das Gesetz uns erste und einzge Richtschnur 

seyn ; 

Doch führ das Regimente ein einzger Mann allein. 

Denn Anarchie ist heillos , ist schlecht wie Knecht- 
schaft ist, 

Wenn , gleich den wilden Thieren , ein Mann den 

andern frifst. 

So , himmelwärts die Hände , schliefsen wir steten 

Bund , 

Und sprechen All die Worte zu Gott aus Herzens 

Grund : 



» O Herr des Weltalls , höre den Eid den ich 

»Dir schwör, 
» Dem Willen der Tyrannen füg ich mich nimmer- 

» mehr. 
»Nie will ich ihnen dienen, ihr Locken achten nicht, 
» Trotz ihrer Trug Versprechung treu bleiben meiner 

»Pflicht. 
» Mein einzges Ziel auf Erden , mein ganzes Leben 

»lang, 
»Sey, hräftiglich zu streiten für ihren Untergang. 
»Das Joch des Vaterlandes spreng ich, acht keiner 

» Noth , 
»Und stehe treu dem Feldherrn zur Seite bis zum 

» Tod. 
» Und brech ich meinen Eidschwur , treff rächend 

» mich dein Stral , 
» O Himmel , und vernichte mich , Herr , in Flam- 

» menqual. « 
Nach Morgen und nach Abend , nach Mittag , 

Nordenwärts , 
Schlag nur dem Vaterlande einmüthig jedes Herz. 
Bulgaren, Albanesen, ihr Serben, Griechen, ihr 
Vom festen Land, von Inseln, nur Eines wollen wir, 
Uns mit dem Schwerdt umgürten, um edler Frei- 
heit Gut: 
Die ganze Welt soll hören von unserm Helden- 

muth. 
Und Alle die erlernet die edle Kunst des Kriegs, 
Sie kommen, schlagen, freuen sich mit uns unsers 

Siegs ! 
Sie Alle rufet Hellas mit offnen Armen an , 



Sie sollen Gut, und Wohnsitz, und Würd und Ehr 

empfahn ! 

Wie lange wollt ihr dienen der fremden Herren 

Macht? 

Kommt zu uns , seyd als Säulen des Vaterlands 

geacht't ! 

W 7 eit edler ists zu fallen im Kampf fürs Vaterland, 

Als fremde Degen tragen mit fremdem Degenband. 
Sulioten und Manioten , ihr Löwen in der 

Schlacht , 

Wie lange wollt ihr schlummern in eurer Holen 

Nacht ? 

Du Leunbrut Mavrovuni's , Olympos Adler ihr, 

Ihr Falken von Agrapha, eint euch in Kampfbegier ! 

Ihr Christenbrüder alle vom Saw - und Donaw - 

Strand , 

Versammelt euch in Schaaren, die Waffen in der 

Hand! 

In euren Busen siede von edlem Zorn das Blut , 

Schwört Alle , Klein' und Grofse , Tod der Tyran- 
nenbrut ! 

Ihr Makedoner Helden , stürmt an , Raubthieren 

gleich , 

Und werft auf eure Dränger in dichten Schaaren 

euch ! 

Ihr Drachenfisch der Inseln, Delphine ihr der Flut, 
Wjßie Blitze schlagt hernieder , stürzt auf den Feind 

mit Wuth! 

Seevögel die ihr hauset um Hydra s , Psara's Strand, 

Jetzt gilts den Ruf zu hören vom theuren Vater- 
land ! 

Ihr seiner würdge Söhne, Seekrieger weit umher r 



Folgt des Geheifses Stimme , speit aus ein Feuer- 
meer ! 

Ein Herz, Ein Will euch Allen, und Eine Seele 

nur ! 

Schlagt zu, und bis zur Wurzel tilgt der Tyrannen 

Spur ! 

Lafst eine Flamm uns zünden im Türkenlande dort, 

Die weit yon Bosna's Gränze wogt bis Arabia fort ! 

Von euren Fahnen strale das Kreuz in hellem 

Schein ! 

Und schmetternd, wie der Blitzstral, schlagt in des 

Feindes Reihn ! 

Nicht denket , dafs er stark sey , an Muth und Kräf- 
ten reich, — 

Ihm bebt sein Herz, er zittert, dem blöden Hasen 

gleich ! 

Dreihundert Kirsaliden belehrten klärlich ihn , 

Dafs er, sammt dem Geschütze, den Kürzern mufste 

ziehn ! 
Warum denn wollt ihr säumen , und ruhn , den 

Todten gleich? 

Wacht auf ! Scheucht, was euch scheidet, Hafs, Feind- 
schaft, fern von euch! 

Wie weiland unsre Väter mit kühnem Löwenmuth 

Sich für die Freiheit stürzten in wilder Schlachten 

Glut, 

So lafst uns All, o Brüder, erfassen mit der Hand 

Die Schwerdter, und zersprengen vereint das Skla- 

yenband ! 

Die Schergen unsrer Dränger , die Wölfe , würgt 

sie All, 

Die die Hellenen drücken mit Hohn und herber Qual ! 



Es stral auf Land und Meeren das Kreuz in hehrer 

Pracht, — 

Das Recht soll wiederhehren , vergehn des Feindes 

Macht ! 

Frei sey die Welt, sie athme erlöst von Qual und 

Drang , 

Frei leben wir, wie Brüder, die ganze Erd entlang! 



11 



1 t. 



Sämmtliche in diesen Blättern enthaltenen Stücke, 
so wie der Inhalt der nachfolgenden Erläuterungen, 
sind genommen aus dem Weihe: 

Charit s populaires de la Grbce moderne, recueillis et 

publies, avec une traduction frangaise , des eclair- 

cissements et des not es , par C. Fauriel. ä Paris, 

1824 et 1825. 2 Bände. 



Der Pallikare vor dem Fenster seiner Scheinen. 
Fauriel, B. 2 , S. 148. 

Die "Wünsche. Fauriel, B. 2 , S. i5o. — Entstand in 
einer Stadt , wahrscheinlich in Jannina. 

Di mos. Fauriel, B. 2. S. 1 54« — Dieses Lied, mit Beglei- 
tung von Tanz , wird in mehrern Theilen Griechenlands , 
vornehmlich in Aetolien und Thessalien , gesungen. Der 
Ausdruck » die neun Dörfer « , und » die zehn Kantone « , 
scheint auf einen gewissen zum Gebiete der Armatolen oder 
der Klephten gehörigen , bestimmten Kreis von Dörfern und 
Landbezirk hinzudeuten. Dimos , der Gegenstsnd der Klagen 
dieses Liedes, dürfte sonach wohl einer der mehr besungenen 
Klephtenführer dieses Namens seyn. 

Der Abschied. Fauriel, B. 2 , S. 168. 

Hochzcitliedcr. Fauriel, B. 2 , S. 236, ff. — Gehören 
«ämmtlich nach Thessalien. Das erste dieser Lieder wird am 



Vorabend des Hochzeittages gesungen , in dem Hause der 
Braut, wahrend ihre jungen Gespielinnen ihr die Haare 
lammen und flechten. Das zweite singt man in dem Augen- 
blicke, wo die Braut das elterliche Haus verläfst, um sich 
mit ihrer Begleitung nach der Kirche, und von da ins Haus 
ihres Gatten , zu begeben. Angelangt im Hause des Gatten 
bleibt die Neuvermählte verschleiert , bis zum Augenblicke 
da die ganze Gesellschaft sich zu Tische setzt. Alsdann 
nimmt derjenige , welcher den Namen und das Amt des 
Paranymphen (Brautführers) trägt, ihr den Schleier ab; 
und während dies geschieht, singen die Gäste und alle An- 
wesenden , das dritte Lied. Das vierte und fünfte Stück hat, 
■wie es scheint, keine besondere Bestimmung im Ganzen der 
hochzeitlichen Ceremonicn ; man singt sie nur bei den Tän- 
zen , die sich an die Hochzeitfeier reihen. 

Christos Milionis. Fauriel , B. i, S. 4? ff- — ^ er 
älteste Klephtische Gesang der Fauriel'schen Sammlung. Chri- 
stos , mit dem Beinamen Milionis , d. h. mit der langen 
Büchse, war aus dem mittäglichen Akarnanien ; wahrschein- 
lich ist er der älteste Klephtenhäuptling , dessen Andenken 
noch durch Gesang im Munde des Volkes lebt. Läfst sich 
auch die Epoche seines Lebens nicht genau bestimmen , so 
ist doch als sicher anzunehmen , dafs er vor dem Ablaufe 
des siebzehnten Jahrhunderts gestorben war. Mit ihm beginnt 
für uns die lange Pieihc der berühmten Klephten des Gebir- 
ges von Agrapha. 

Bukovallas. Fauriel, B. i , S. 12. — Bukovallas gehört 
zu den berühmtem Klephtenführern , deren Thaten und An- 
denken noch jetzt durch Lieder gefeiert werden. Nächst 
Christos Milionis ist er der älteste. Auch er war aus Akar- 
nanien : Die Gebirge von Agrapha waren der Schauplatz 
seiner Kämpfe. Diejenige seiner Thaten , welche am höch- 
sten gerühmt ward, und deren Andenken allein wohl noch 
in der Ueberlieferung lebt, ist der Sieg, den er über Veli, 
Bey vonTebelen, der im Jahr 1 7 1 7. bei der Belagerung von 
Korfu getodtet ward , den Grosvater des Ali , Pascha von 
Jannina , davon trug. Um dieses Siegs willen war das Ge- 
schlecht des Bukovallas ein vorzüglicher Gegenstand der un- 
versöhnlichen Rache und der vertilgenden Verfolgungswuth 



des grausamen Ali Pascha. Wer irgend zu den Nachkommen 
jenes berühmten Klephtenfhhrers gehörte , Armatolen und 
Klephten , Männer und Weiher , waren auf gleiche Weise 
das Ziel seiner Wuth. Mit einem W r eibe von Agrapha er- 
losch , wie man erzahlt, die Reihe der unmittelbaren Ab- 
kömmlinge des Bukovallas. Ali Pascha, nachdem er sie zuerst 
einem seiner Officiere hatte antrauen lassen , liefs sie ver- 
giften , damit Niemand im Gricchenlande von dem Geblütc 
eines Mannes mehr lebendig scy , der einst seinen Grosvater 
besiegt hatte. — Der hier mitgethcilte Gesang ist wohl von 
allen jenen , welche die Thaten des Bukovallas priesen , der 
einzige , der noch jetzo im Munde des Volkes lebt. Er wird 
ungemein häufig gesungen, und man vernimmt ihn im gan- 
zen Griechischen Festlande, mit Ausnahme von Morea. 

Johannes Stathas. Fauriel , B. i , S. i4- — Dieser jün- 
gere Gesang schliefst sich an den altern vom Bukovallas 
durch die Verwandschalt welche den darin gefeierten Helden 
mit jenem verknüpfte , sehr passend an. 

Der Olymp os. Fauriel, B. i , S. 38. — Der Gegenstand 
dieses Gesanges ist der Preifs eines gefallenen Thessalischen 
Klephten, dessen Name jetzt nicht mehr bekannt ist. Es 
gehört dieser Gesang wohl unter die ältesten seiner Art. 
Ohne Zweifel entstand er in Thessalien. Man singt ihn im 
ganzen Griechenland, und selbst in Konstantinopel ist er nicht 
unbekannt. 

Der letzte Abschied des Klephten. Fauriel, B. i, 
S. 5o. — Dieser Gesang gehört Gebirgslanden, wahrschein- 
lich den Gebirgen Thessaliens , an. Man sieht zwei Klephten, 
welche zusammen , auf geheimen Pfaden , nach einem ab- 
gelegenen Orte eilen , wo ihre Schaaren sich gewöhnlich 
zu versammeln pflegen. Auf einer Hohe , an deren Fus ein 
Strom vorüberfliefst , welchen man durchschwimmen mufs , 
um hinüber zu gelangen , wird der eine von ihnen , in einer 
Art , die im Gesänge nicht näher angedeutet ist , von plötz- 
lichem Tode getroffen. Die Abschiedsworte des Sterbenden 
an den überlebenden Genossen bilden den Inhalt des Ge- 
sanges. 
Das Grab des Dimos. Fauriel, B. i, S. 56. — Zum 
Verständnifs dieses Gesanges mufs bemerkt werden , dafs die 



Griechen den hölzernen Sarg , in welchem der Leichnam des 
Verblichenen verschlossen ist, nicht unmittelbar mit Erde zu 
bedecken pflegen. Sie setzen ihn vielmehr bei, in einer Art 
Spalte , die sie vermittelst zweier langer platten Steine bil- 
den , auf welche sie, von einem Ende zum andern, andere 
platte Steine quer über legen , die als eine Art Dach über 
dem frei darunter stehenden Sarge schweben, und aufweiche 
die Erde geworfen wird. 

Inschrift de» Säbels des Kontoghiannis. Fauriel 
B. i, S. go. — Kontoghiannis, einer der berühmteren Häupt- 
linge aus der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts , 
hatte als Armatole , oder unterwürfiger Klephte , sein Stand- 
quartier zu Neopatras , und als freier Klephte in den Gebir- 
gen , welche das Östliche Ende der grofsen Kette bilden, in 
der , nach Mittag hin , der Kessel Thessaliens eingeschlossen 
liegt. Nähere Angaben über die Thaten und Ereignisse , 
worauf sein Ruhm sich gründet, liefsen sich nicht auffinden. 
Es ist zu vermuthen , doch nicht mit völliger Sicherheit zu 
behaupten , dafs er, gleich dem Andrutzos und Kolokotronis, 
an den patriotischen Bewegungen, welche im Jahre 1770. in 
Morca Statt fanden , Theil genommen. Die Familie des Kon- 
toghiannis gehört zu jenen , welche, bald im Krieg , bald in 
Frieden mit der Türkischen Macht, sich fortwährend in einer 
Art von Unabhängigkeit behaupteten. In ihr vererbte sich 
der Titel Armatole, oder Bandenhäuptling , von Vater auf 
Sohn , und mit ihm ein Säbel , der zugleich die ausgezeich- 
nete Waffe und der trefflichste Schmuck dieses Geschlechts 
war, und als der edelste Theil des väterlichen Nachlasses 
hoch gehalten ward. Auf diesem Säbel befindet sich die hier 
mitgetheilte Inschrift. 

Stergios. Fauriel, B. 1 , S. 1 28. — Dieses Stück bezieht sich auf 
die Gewalt - Maasregeln, welche Ali von Tebelen, als er gegen 
das Jahr 1783. von demDivan, nebst dem Titel eines Pascha 
von Trikala , jenen eines Dervendgi -Bachi erkauft hatte, 
gegen die damals mächtigen Klephten , oder vielmehr Arma- 
tolen Thessaliens ergriff, und auf die damit verbundenen 
Kämpfe. Stergios, welchem die hier mitgetheilten "Worte in 
den Mund gelegt sind , gehört zu der Zahl derjenigen Kleph- 
ten , welche weder seinen Befehlen und Aufforderungen , 



noch seinen Drohungen sich fügten, und ihre Freiheit mit 
kühnem Muthe trotzig behaupteten. 

Liakos. Fauriel , B. i , S. 1 34 » ff- — Liakos, der Held 
dieses Gesanges, war einer derjenigen Klephtenführer, gegen 
welche die Dervenagas des Ali Pascha Krieg führten, und 
die ihre Standquartiere in den Gebirgen von Agrapha oder 
von Aetolien hatten. Nachdem er mit Stolz den Aufruf des 
Ali Pascha, sich ihm zu unterwerfen, und die ihm dagegen 
dargebotenen Yerheifsungen , zurückgewiesen hatte , zog der 
bekannte Veli Guekas , einer der Dervenagas des Pascha, mit 
der Mannschaft mehrerer Kantone, gegen ihn zu Felde. Die 
Beschreibung dieses Zugs , und des Siegs des Liakos , macht 
den Gegenstand dieses Gesangs aus. 

Gyphtakis. Fauriel, B. i , S. 20. — Der Held dieses Ge- 
sanges ist ein Abkömmling des Bukovallas , sonach ein Akar- 
nanier. Der Name oder Beiname Gyphtakis (kleiner Zigeu- 
ner) ward ihm seiner schwarzbraunen Hautfarbe wegen 
beigelegt. Er lebte gegen das Ende des achtzehnten Jahr- 
hunderts , und blieb im Kampfe gegen die Türken , in einem 
Gefechte, worin letztere durch den berühmten Araber Jusuph, 
einen der Generale des Ali Pascha, befehligt waren, welchem 
die Griechen , seines Blutdurstes wegen , den Namen des 
Bluttrinkers beigelegt hatten. Zur Erläuterung dieses Stücks 
mufs bemerkt werden , dafs die Klephten einen sehr hohen 
Werth darauf legen , dafs nicht ihre Kopfe, nach ihrem 
Tode , in die Hände der Türken fallen. 

Kriege von Suli. Fauriel, B. 1 , S. 284, ff — Die unter 
dieser Ueberschrift mitgetheilten acht Heldenlieder beziehen 
sich auf Ereignisse aus den denkwürdigen Kämpfen der Su- 
lioten mit Ali, Pascha von Jannina: — die vier erstem der- 
selben auf die glückliche Schlacht vom 20. Julius 1792, wel- 
che dem zweiten Kriege Ali Pascha's gegen dieses Bergvolk 
ein Ende machte; — die vier letztern auf spätere Begeben- 
heiten des erliegenden und untergehenden Heldenvolkes , in 
den erstem Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. 

Kriegsgesang des Rhigas. Fauriel, B. 2 , S. 20 , ff — 
Rhigas , der Verfasser dieses Kriegsliedes , das längst berühmt 
und volksmafsig unter den Griechen war, bevor es sie noch 
in ihren Schlachten gegen die Türken begeisterte , ward im 



Jahre 1753. zu Vclestinos in Thessalien gebohren. Er hatte 
sich anfänglich dem Lehrfache gewidmet , und war Professor 
der alten griechischen und der französischen Sprache zu 
Bucharcst. Späterhin richtete er alles sein Sinnen und Thun 
auf die "Verwirklichung einer einzigen Idee, der moralischen 
und politischen Wiedergeburt seines Vaterlandes. Er, und 
andere Gleichgesinnte mit ihm, knüpften zu diesem Ende 
Bekanntschaften und Verhältnisse aller Art, und setzten alle 
in ihrem Bereiche liegenden Mittel in Bewegung , die ihnen 
zur Erreichung dieses Zwecks förderlich schienen. "Wahrend 
eines Aufenthaltes in Wien dichtete Bhigas einen kleinen 
Kranz von Liedern , bestimmt Vaterlandsliebe und Unabhän- 
gigkeitsgefühl , so wie Abscheu gegen ihre Dränger, bei sei- 
nen Landsleuten zu wecken und zu nähren. Aber kaum ge- 
lang es dem Dichter, auch nur wenige Exemplare dieser in 
Wien gedruckten Sammlung über die Gränze zu lordern. 
Abschriften ersetzten jedoch die Stelle der mangelnden Ex- 
emplare, und viele Menschen in Griechenland wufslcn bald 
diese patriotischen Lieder auswendig. Zu diesen Liedern 
gehört, als das bedeutendste, das hier mitgelheilte berühmte 
Kricgslied. — Bhigas gieng übrigens, bei dem was er beab- 
sichtigte, mit mehr Eifer als Vorsicht zu Werke. Es erfolg- 
ten Denunciationen gegen ihn. Die Auslieferung seiner Per- 
son und seiner Genossen ward verlangt, und nicht verweigert. 
In Belgrad, der ersten Türkischen Gränzstadt, wurden sie 
im Jahre 1798. enthauptet. 



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